Wholesale Application Community oder das Märchen vom Schwarm Thunfische, der sich gegen zweieinhalb Haie verteidigt
Monday, February 15, 2010 12:42Was macht man, wenn ein paar schlaue Jungs in Kalifornien auf die Idee kommen, einen Kramladen für Discount-Software zu eröffnen, damit völlig unerwartet einen Umsatz von mehreren Milliarden US$ erreichen und plötzlich alle ehemaligen guten Freunde dem Schotter hinterherlaufen und eigene Wühltische eröffnen? Richtig: Man findet sich zusammen, schmiedet eine Allianz und verkauft seinen digitalen One-Euro-And-Below-Shop unter dem Mantel eines moralischen Backgrounds als das einzig wahre, weil ja von armen ausgestoßenen Netzbetreibern gegründete Gegenkonzept zum allmächtigen AppStore. Die Liste der sich jetzt zu einem Megakonsortium zusammenfindenden Gruppe von Netzbetreibern und Herstellern enthält viel Prominenz: Telefonica, NTT DoCoMo, China Unicom und China Mobile, Verizon Wireless, Sprint, orange, Vodafone, Deutsche Telekom, at&t, WIND und SK Telecom sowie die mobilkom austria sind über Jahre hinweg Goliathe der Mobilfunkindustrie gewesen. Zusammen mit dem arg in Bedrängnis geratenen Joint Venture Sony Ericsson und den koreanischen Anti-Apples Samsung und LG, die auf der Suche nach Profit schon immer ihre Seele bzw. gebrandete OEM-Ware an Netzbetreiber verkauft haben, gründen sie das Projekt der „Wholesale Applications Community“, die – und das dürfte recht realistisch geschätzt sein – auf die Telefonrechnungen von etwa 3 Milliarden Kunden weltweit Zugriff hat.
Ja, Apple hat mit Apps Kasse gemacht und das liegt nicht an der rein zufälligen namentlichen Ähnlichkeit. Das liegt vor allem daran, dass Apple mit iTunes eine seit fast einem Jahrzehnt weltweit akzeptierte Discovery-, Sales- und Billing-Lösung betreibt, die man einfach für den Verkauf von Applikationen wiederverwenden konnte. Eine Lösung, die mit einem (halbwegs) fairen, aber vor allem transparenten Geschäftsmodell souverän sinnvollen Content an treue Kunden ausliefert und auf Desktop-Seite mit Funktionen brilliert, die bis heute mit unerreichter Intuitivität aufwarten.
Es sind jene großen Betreiber von Mobilfunknetzen, die hierzulande jahrelang gut davon lebten, Kunden mit überteuerten Roaming-Gebühren abzuzocken, Opfer von Abo-Fallen mit Schulterzucken abzustrafen, während sie an den Transaction Fees der Klingelton-Downloads trefflich mitverdienten und sinnvolle innovative Technologien wie VoIP oder Instant Messaging-Dienste zugunsten überflüssiger Profitbringer wie mobiler Videotelefonie oder terrestrischem Fernsehen keine Beachtung zu schenken oder gar zu unterdrücken. Der Mangel an Weitsicht, den Apple mit ungeahnter Härte auszunutzen wusste, führt jetzt zu einer einsichtigen Verzweiflungstat, die in einem Gegengewicht zur vermeintlichen Bedrohung aus Cupertino gipfeln soll.

Die Unterzeichner des in Form eines Memorandum of Understanding vorliegenden Lippenbekenntnisses werden vermutlich bald damit anfangen, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Gleichzeitig erkennen vor allem die Netzbetreiber endlich an, dass sie es alleine nicht schaffen werden, einen Gegenpol zu den gewachsenen „Marktführern“ (bezogen auf den Markt mit mobilen Applikationen) Android Market und AppStore zu setzen. Um überhaupt signifikante Umsätze einfahren zu können, benötigt man Reichweite und Vertrauen von Entwicklern und Endkunden. Keine der Parteien hätte es alleine geschafft, Marke, Service und Content so weit aufzubauen, dass sie mit der Konkurrenz aus dem Silicon Valley mithalten könnte.
Eine interessante Rolle werden die drei Hersteller spielen, die sich unter die Gründungsmitglieder gemischt haben. Während LG seinen Application Store bislang nur in Fernost unterhält, will Samsung per gestern erklärter Mitteilung Samsung Apps schon 2010 in 50 Ländern weltweit eröffnet haben. Im Sinne der Wholesale App Community kann diese Ankündigung eigentlich nicht sein, es sei denn, Samsung wartet an der Halbmarathon-Linie auf die reichweiten- und umsatzstarken Partner und übergibt ihnen dort das Wissen über bereits bestehende Infrastrukturen und den Content. Verärgern sollte die Nummer 2 der Welt ihre ehemaligen Partner auf keinen Fall, denn nur dank des starken Supports der Netzbetreiber hat Samsung es mit viel Anstrengung und einem durchaus hohen Maß an Innovationskraft geschafft, zum Marktführer Nokia aufzuschließen.
Dass Nokia nicht in der Liste der Mitgründer auftaucht, ist verständlich: erst vor kurzem verkündeten die Finnen, zunächst versteckt in einem 20-seitigen Quartalsbericht und erst heute während der MeeGo-Pressekonferenz von Kai Öistämö offiziell bestätigt, dass ihr von allen mitleidig am Kopf getätschelter Ovi Store eine Million Downloads verzeichnet – pro Tag! Damit ist der Store rein rechnerisch ähnlich groß wie Googles Android Market und der Player Nokia – selbst wenn er nur die Hälfte dieser Reichweite erzeugt hätte – schon viel zu erfolgreich, als dass er noch in den selbsternannten elitären Club der bemitleidenswerten Verlierer aufgenommen werden könnte. Und vor alledem darf man nich vergessen, dass Nokia und Symbian – eine eng an Nokia und Ovi angeschlossene Organisation – mit Symbian Horizon, der Qt-Community, kostenloser Routennavigation von Navteq und natürlich dem Forum Nokia riesige Communities, marktfähige Produkte und Vermarktungspotenziale aufhäufen, die sich dank Marktführerschaft leicht in Umsätze transformieren lassen.
Das wahrscheinlich wichtigste Signal, das von der Gründung des Konsortiums ausgeht, heißt: der unkontrollierte und kopflose Wildwuchs von Application Stores mit schöner Grafik aber ohne Inhalt ist jetzt hoffentlich vorbei. Jetzt wird endlich an den Kunden gedacht. Wollen wir hoffen, dass 3 Milliarden Kunden dazu ausreichen, der Wholesale App Community den richtigen Weg aufzuzeigen: Offenheit, Transparenz und Fairness gegenüber Endkunden, Content-Lieferanten und Entwicklern.
